Wie ich mich sehe
November 2008
Viele in der
Gesellschaft, so habe ich das Gefühl, haben die pauschale
Vorstellung, das Menschen wie ich, wenn sie Frauenkleidung tragen,
dies nur aus rein fetischistischen Gründen tun oder glauben man
- aeh Frau - "hätte'se nich' mehr alle. Es fehlt wohl
einfach das Verständnis und das Vorstellungsvermögen, das
es Menschen gibt, die sich ständig oder zeitweise in der Rolle
des anderen Geschlechts wohler fühlen.
Für
mich kann ich nur sagen, das ich das Tragen der Kleidung nie als
Fetisch habe empfinden können und nie empfinde. Denn dann müßte
ich beim "Verkleiden" (wie es meine Mutter Anfangs bezeichnet hat ...) und Tragen der Kleidung ja irgendeinen sexuellen
Reiz oder eine Befriedigung empfinden. Dem ist aber nicht so. "Es"
passiert vielmehr aus einem tiefen, inneren Antrieb heraus, den ich
nicht beeinflussen kann. Mir ging und geht es nur
darum, eine weibliche Person zu sein und mich so normal wie
möglich und ohne Aufsehen in der Öffentlichkeit
bewegen zu können.
Was bin ich ?
Damit
ergibt sich aber die Frage: Bin ich TV oder TS ? Anfangs hatte ich
mir als Antwort "Klar, Du bist Transvestit" gegeben. Das bin ich nun aber ganz und gar nicht. Wahrscheinlich wollte ich selbst nicht wahr haben, was mit mir los ist. Stelle
ich meinen Stand zwischen TV und TS als Uhr dar, ist es
jetzt kurz nach "12 Uhr".
Vor etwa eineinhalb Jahren hatte ich "meine Zeit" noch etwa bei zwei
bis drei Minuten vor 12 gesehen aber damals schon nicht ausschliessen
können, das es weitergeht. Und es ist weitergegangen. Betrachte ich
die Zeit seit Ende 2006, so muß ich feststellen, das sich
die Zeitabstände immer weiter verkürzt haben und ich immer
häufiger Frau bin und sein muß.
Über
die Zeit ist in mir – ich muß schon sagen "endlich" - die
Erkenntnis gereift, daß ich die Frage was ich nun bin anders
beantworten muß: Ja, ich bin eine Frau, ich bin transsexuell und ich werde, ich muß, auch "den Weg" gehen ...
Anfang 2006, vor dem Outing bei meinen Eltern, brauchte ich von meiner
weiblichen Seite nur hin und wieder mal ein paar Stunden oder alle
paar Wochen mal einen Tag. Bis vor etwa einem Jahr bin ich mit dem "Hin und Wieder mal" mal ganz gut ausgekommen. Den Rest habe ich
mit viel beruflichen Überstunden "erschlagen".
Jetzt
vergeht aber keine Woche, in der ich nicht mindestens einen Tag oder
das Wochenende als Frau verbringe. Ich bin dann wirklich "da" und "ich selbst".
Kann ich dies mal nicht, z. B. weil sich kurzfristig Besuch
angekündigt hat, tut es immer richtig weh - ich weiß
nicht ob es die richtige Beschreibung ist, aber so empfinde ich es.
Vieleicht kann ich es so ausgedrücken: die "Dosis", die ich
brauche ist immer größer geworden.
Auch
danach, wieder in der männlichen Rolle, spüre ich dann zwar
noch die Entspannung, aber anders als früher fällt mir der
Weg zurück immer schwerer. Denn in letzter Zeit stellt sich nach
dem Ausziehen und Abschminken abends, so eine Art von Enttäuschung ein, wenn
mir der "duselige Kerl" wieder aus dem Spiegel entgegenschaut.
Aber ...
Jetzt
kommt das große "Aber": Eine innere Angst hält
mich bisher noch zurück, wirklich auch den wichtigen Schritt in
die richtige Richtung zu tun. Und das entgegen dem Wunsch des
Herzens, denn das möchte endlich auch nach außen hin die
Frau sein, die es innerlich schon lange ist. Der Verstand sagt aber,
daß das so noch nicht geht. Zumindest jetzt noch nicht. Trotzdem,
ich weiß endlich was ich bin. Das hat mich schon enorm weiter gebracht, auch wenn noch viel vor mir liegt.
Um mir etwas Zeit zu
verschaffen habe ich die Uhr angehalten – anhalten müssen,
was gar nicht so einfach war. Irgendwie habe ich es aber hinbekommen. Das "Was, Wie und Warum"
will ich im folgenden beschreiben.
Was, Wie, Warum
Über
mich, die Angst, mein Herz und über vieles mehr hatte ich vor
einiger Zeit (Oktober 2008) mit einer Freundin (Danke Dir Susanne für
die Zeit) gesprochen. Sie ist etwas älter als ich und seit
einigen Monaten "auf dem Weg". Als wir uns im Frühjahr 2008
das erste Mal getroffen haben, haben wir relativ schnell ("gleiche Wellenlänge") erkannt, daß
wir einen ähnlichen weiblichen Lebenslauf haben: beide haben wir
unser "Geheimnis" jahrelang mit uns herumgetragen und beide haben
wir relativ spät das weibliche Wesen in uns endlich
herausgelassen und beide haben wir nach dem "ersten Mal" lange Zeit gebraucht um zu der richtigen Erkenntnis zu kommen.
Um
meine Angst zu ergründen hat mir Susanne einen Rat weitergeben,
den sie von Ihrer Psychologin in ähnlicher Situation bekommen
hat: "Geh' tief in Dich und betrachte Deine Beziehung zwischen Dir
und Deiner Umgebung - privat als auch im Beruf. Nur Du selbst kannst
das. Und Du wirst mit der Zeit Antworten finden, das wird aber etwas
dauern." Ich hatte dies erst als "Mumpitz" abgetan,
trotzdem gingen mir die Gedanken daran nicht aus dem Kopf. Und
tatsächlich, nach etlichen Wochen zeichnete sich ein Ergebnis ab.
Ich
habe mal versucht zu ordnen und zu beschreiben, was ich in mir "ausgebuddelt" habe.
 Im ICE
Ich selbst
Fange
ich mal beim leichtesten (oder doch beim schwersten ?) an – bei mir
selbst.
In
männlicher Rolle paßt mir vieles an mir nicht, besonders
Bart- und Haarwuchs machen mir Probleme. Aber da bin ich bereits in
guten Händen: ich bin regelmässig in einem
Epilationsinstitut in Behandlung, um dem Bartwuchs den Garaus zu
machen, denn es gibt nichts hässlicheres und störenderes als Stoppeln und Bartschatten im Gesicht. Das
das besondere männliche Merkmal über ist, muß
und will ich hier nicht näher erläutern.
Schlecht sind auch die Phasen, wo ich mal richtig schlecht drauf bin. (...
weil ich mir da selbst auf die Nerven gehe und mit mir selbst unzufrieden bin ...). Das kommt hin und
wieder meist dann vor, wenn ich mal nicht wie vorgenommen Claudia sein konnte. Dann habe ich auch beruflich Probleme, alles "auf die
Reihe" zu bekommen. Ein Kollege sprach mich darauf mal direkt an, ("Was is'n mit Dir heute los?") aber
was sollte ich anderes machen als gute Miene und sagen "Ach, ich hab die Nacht mal wieder schlecht
geschlafen". Da ich derzeit beruflich an einem großen Projekt
arbeite, "hilft" mir der Stress, vieles davon "wegzudrücken".
Kleide
ich mich dann wieder als Frau, merke ich relativ schnell, das ich
innerlich auch ruhiger werde. Ich fühle mich dann wohl und bin
ausgeglichen(er). Es ist dann alles in Ordnung und ich fühle
mich irgendwie "da" und "zu Hause".
Angst ? Vor mir selbst habe ich keine Angst. Ich meine, als Frau gehe ich selbstverständlich in die Öffentlichkeit, in Restaurants und Geschäfte, fahre Bus und Bahn etc. Was mir nur "weh tut" ist, wenn man mal von einer Gruppe "halbstarker Idioten" - vorsichtig ausgedrückt - als "falsche Frau" erkannt wird (an was auch immer) und die dann ihre derben Sprüche möglichst lautstark verbreiten. Angst habe ich da zwar keine, es kränkt aber.
Privater Bereich
Im privaten Umfeld bei meinen Eltern bin ich seit Pfingsten 2006
geoutet. Mein Bruder und seine Frau wissen seit Ende Januar 2008
Bescheid . Outen muß ich mich "nur" noch bei der Verwandschaft und der
Nachbarschaft. Das Outing vor der Verwandschaft sehe ich nicht als
Problem. Auch mit der Nachbarschaft sehe ich "fast" keine Probleme da
ich mit vielen bis auf ein "Guten Tag" nichts zu tun habe.
Da
ich damals beim Outing bei meinen Eltern diese tiefgehenden Gefühle
als Frau noch nicht hatte, muß ich mich meinen Eltern gegenüber
erneut outen und ihnen beibringen, das aus ihrem Sohn endgültig eine Tochter wird. Ich hoffe hier nur, daß meine Mutter diesmal
nicht wieder so heftig reagiert wie Pfingsten 2006. Verstehen könnte ich sie. So heftig wie damals wird es aber wohl
nicht mehr werden (hoffe ich jedenfalls), denn wenn sie mich jetzt als "Claudia" sieht, spricht sie mich sogar als "Claudi" an.
 in Straßenbahn Beim Outing bei meinem Bruder und seiner Frau habe ich die Frage "Wie
geht das mit Dir weiter ?" irgendwie intuitiv schon mit "Du
kannst davon ausgehen, das ich meinen 50. Geburtstag als Mann nicht
mehr erleben werde" beantwortet. Man weiß also, was passieren wird. Ferner
mache ich mir Gedanken, wie man meinen beiden Neffen (6 und 3 Jahre)
beibringen kann, das ihr (Paten-)Onkel dann "Tante Claudia" ist.
Die
weitere Verwandschaft wird mich als Frau akzeptieren müssen. Da
muß ich mir auch keine Gedanken 'drum machen. Wem's nicht
passt, nicht mein Problem - Verwandschaft kann man sich eben nicht
aussuchen.
Auch
beim Outing bei den Nachbarn sehe ich keine Probleme,
da ich mit den wenigsten direkt zu tun habe. Die eine ältere Nachbarin kennt mich schon viele Jahre (seit ich 6 war) und durch Zufall sogar schon als
Claudia. Sie findet das von mir eine gute, aber auch mutige
Entscheidung. "Tue das, was für Dich richtig ist" hat sie
mir damals gesagt, denn für sie ist dieses Thema nichts Neues
und schon gar nichts ungewöhnliches. Beim Gespräch mit ihr
hat sie mir erzählt, das vor vielen Jahren ihr Sohn auch mal
Gedanken der Art "Bin ich Mann oder Frau ?" hatte, und sie mich
daher gut verstehen könne.
Berufliche Umgebung
Den
allergrößten Anteil an der Angst hat das berufliche Umfeld.
Aber das liegt wohl an meiner speziellen Situation.
Ich
bin in einer Einrichtung des öffentlichen Dienstes im
EDV-Bereich tätig. Dort habe ich neben den direkten Kolleginnen
und Kollegen meiner Abteilung viel mit Kolleginnen und Kollegen fast
aller Bereiche unserer Einrichtung zu tun. Kurz gesagt, ich bin dort
bekannt "wie ein bunter Hund". Daneben habe ich auch mit Kunden
zu tun, denen ich fachspezifische Fragen beantworte und Hilfestellung
gebe.
Neben
dem Betrieb der eigenen EDV ist unsere Einrichtung auch an
Kooperationenen mit anderen Organisationen und Einrichtungen beteiligt, für die
wir als Dienstleister tätig sind. Auch hier ist "Herr K" in vielen Situationen der Ansprechpartner.
Ich
habe in meinem Bereich auch mit Vertretern, Technikern und Monteuren
von Firmen zu tun, bei denen wir, teils seit vielen Jahren, die
technische Infrastruktur und die Geräte für den EDV-Betrieb
beschaffen und die Wartung abwickeln. Auch hier bin ich als als
Ansprechpartner benannt. Viele der Techniker und Vertreter kennen
mich seit mehr als 10 Jahren.
Ferner
gehört auch zu meiner Arbeit, das ich regelmässig mehrmals
im Jahr an Treffen, Konferenzen und Tagungen mit Kolleginnen und
Kollegen von Partner-Einrichtungen aus ganz Deutschland teilnehme.
Fragen über Fragen
Aus beiden Bereichen des Umfeldes ergeben sich Fragen. Ganz besonders aus
dem beruflichen Umfeld stellen sich viele Fragen, die mir noch Angst
machen und mir den nächsten Schritt noch verhindern. Die
wichtigsten:
-
Wie ragiert mein Chef und wie die direkten Kolleginnen und Kollegen in
der Abteilung ?
-
Wie reagiert die Geschäftsleitung ?
-
Wie reagieren die weiteren Kolleginnen und Kollegen der Einrichtung ?
-
Werde ich mein Aufgabenfeld behalten oder werde ich versetzt ? ("...
jeder ist ersetzbar!" oder "Für den Kundenkontakt ist "so einer wie Sie" nicht geeignet".)
-
Auch wenn ich als Angestellte(r) im öffentlichen Dienst einen
unbefristeteten Arbeitsplatz habe, kann man mir diesen dann so
unattraktiv wie möglich (Entzug von Verantwortung etc. bis zu Mobbing)
machen, damit ich von mir aus kündige oder ich mich von mir aus
versetzen lasse.
Vor
den letzten beiden Punkten habe ich die meiste Angst, haben doch
nicht gerade wenige auf diese Weise ihren Arbeitsplatz verloren. Mut
macht wieder, das ich von zwei Freundinnen weiß, deren
berufliches Outing sehr gut geklappt und von den Kolleginnen und
Kollegen akzeptiert wurde.
Aber es stellen sich noch weitere Fragen
-
Wie erkläre ich den Kunden, Vertretern, Technikern und
Kooperationspartnern das sie es in Zukunft nicht mehr mit "Herrn
K" sondern mit "Frau K" zu tun haben ?
-
Werde
ich dann noch genauso kompetent angesehen, wie ich es heute bin ?
(... Wer "so" ist, dem traut man auch keine fachliche Kompetenz
(mehr) zu ...)
Währe
es nur das private Umfeld, würde ich mir keine Gedanken machen und sofort sagen können "Ja, ich mache den nächsten
Schritt". Aber die Fragen im Zusammenhang mit meinem beruflichen
Umfeld und dort besonders, die Angst um den Arbeitsplatz, wiegen so
schwer, das der Verstand und die Vernunft sagt "Herz was Du da
willst, das geht so einfach aber nicht !" Dagegen sind die Punkte, die Familie, Verwandte, Bekannte und Nachbarn
betreffen nur "Kleinkram".
Fazit
Das anhalten der Uhr hat wirklich geklappt und ich konnte mir über vieles Klarheit verschaffen.
Das Herz will und muß endlich das sein, was es ist –
und ich muß die Uhr wieder weiterlaufen lassen, sonst wird der innere Druck wieder zu stark. Ich denke, das ich den "Rest" mit der Zeit auch noch hinbekomme.
Nachtrag
Januar 2009
Über dieses gesamte Thema konnte ich bei unserem Dezember-Stammtisch in
Wolfsburg mit Kim (Danke, das ich Dich mit meinen Fragen und
Problemen löchern durfte) reden.
Vieles sehe ich wohl viel zu eng und ich sehe Probleme wo keine sind, soviel ist mir inzwischen klar
geworden. Wie sagt man so schön: "Nichts wird so heiß
gegessen, wie es gekocht wird." Mittlerweile sehe ich vieles schon wesentlich "weicher".
Ich werde mich demnächst zu einem Termin bei einer Psychologin
anmelden (Wartezeit ...) und um ein Gespräch mit der Gleichstellungsbeaufttagten
unserer Einrichtung bitten, um dort mal "vorzufühlen", wie man meine "Probleme" dort sieht und wie ich das berufliche Outing gestalten kann. Dann wird das zweite Outing bei meinen Eltern folgen müssen ...
März 2009
Am 22. März habe ich mich meinen Eltern das zweite Mal geoutet.
Einen Termin bei einer Psychologin habe ich bestellt. Ich stehe in der Warteliste. Voraussichtlich Mitte/Ende Juni erfahre ich, wann ich den ersten Termin haben werde.
Februar 2010
Inzwischen bin am Arbeitsplatz geoutet. Am 22. Januar war mein erster Arbeitstag als Frau.
Im Kapitel "Berufliches Outing" habe ich beschrieben, wie dies bei mir abgelaufen ist.)
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